"Rap über Hass": Biest bleibt Biest, Boys bleiben Boys (2024)

"20 Jahre Fick-deine-Mutter-Rap": Auf ihrem sechsten Album feiern K.I.Z. die Kunst der Beleidigung und die Notwendigkeit der Abgrenzung. Ob's wohl noch schockt?

Eine Rezension von Daniel Gerhardt

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Sie tun zwar manchmal so, aber natürlich hassen K.I.Z. nicht alles und jeden. Rap über Hass heißt das neue Album der Berliner Musiker, und mindestens eine Liebeserklärung ist darauf auch enthalten. Sie erklingt nicht explizit, sondern als Rap-informiertes Sounddetail, das in die späten Neunzigerjahre zurückweist. Intergalactic hieß damals ein Song der Beastie Boys, dessen lautmalerischer Refrain sich ebenso ins popkulturelle Gedächtnis eingebrannt hat wie das zugehörige Video, das Riesenroboter und -monster aus Pappmaché im Clinch zeigt. K.I.Z. nun zitieren Melodie und Vocodereffekt dieses Refrains in einem Stück namens Unterfickt und geistig behindert. Wie schön, dass sie wieder da sind.

Vordergründig betrachtet ist der Verweis auf die Beastie Boys beinahe unausweichlich. Drei Rapper und Persönlichkeiten, die ihre Texte in den unterschiedlichsten Tonarten vortragen, mit Provokation und Grenzüberschreitung kokettieren, das Haltbarkeitsdatum jeder Pubertät dramatisch überschreiten und im Grunde ihres Herzens doch ganz harmlose Jungs bleiben: Das könnte man über die Band aus New York ebenso sagen wie über K.I.Z. Das Video zu Intergalactic endet in allumfassendem Chaos, wie es beide Gruppen gerne heraufbeschwören. Monster, Maschine und der Schauplatz ihres Kampfes liegen in Schutt und Asche. Die Beastie Boys befinden sich in der Schaltzentrale des Roboters und prügeln ebenfalls aufeinander ein.

Ein Ort für das Chaos ist auch Rap über Hass wieder, das sechste K.I.Z.-Album, der Nachfolger ihres sechs Jahre zurückliegenden Nummer-eins-Durchbruchs Hurra die Welt geht unter. Damals war einiges anders. Tarek Ebéné, Nico Seyfried und Maxim Drüner rappten nicht mehr nur über ironische, sondern auch über biografische Brüche. Sie klemmten sich manche Punchline und ließen sogar den Sänger von Annenmaykantereit unversehrt mitsingen. K.I.Z. waren weiterhin weit davon entfernt, ihr Kerngeschäft zu vernachlässigen. Es stand aber doch weniger im Fokus als auf Rap über Hass, das den Titel eines potenziellen Best-of-Albums mit den Songs einer programmtechnischen Rückbesinnung verbindet.

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Niemand soll sich diesmal ungefickt fühlen, keine Mutter und kein Gegner, alle werden noch einmal mit der alten Konsequenz rangenommen. Zum Auftakt von Rap über Hass erklingt eine Bundestagsrede und Steilvorlage des AfD-Politikers Bernd Baumann, der sich über die Teilnahme von K.I.Z. am Chemnitzer #wirsindmehr-Konzert im Jahr 2018 und die Besuchsempfehlung beklagt, die Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier dazu aussprach. Mit immerhin musikjournalistischer Versiertheit ordnet der parlamentarische Geschäftsführer der AfD-Fraktion im Bundestag die Gruppe als gewaltverherrlichend, deutsch- und christenfeindlich ein. Die Messlatte für Rap über Hass ist damit gelegt.

Nun sind es Fragen des Blickwinkels, ob K.I.Z. diese Messlatte problemlos überspringen oder mit dem Arsch einreißen – und was eigentlich besser wäre. Ihr neues Album jedenfalls enthält Zeilen über Sodomie und Pädophilie, Selbst- und Fremdverstümmelung sowie Partyberichte, die meistens in Wodka-Orgien, Schlägereien oder beidem eskalieren. Das ganze Bouquet der bösen Geschichten also, der passende Schockeffekt für jeden Connaisseur und erst recht für die Kontrafraktion. Wie frauenfeindlich und antisemitisch der "Dreck" diesmal ist? So sehr, rappt Maxim im Titelstück von Rap über Hass, dass "Leute denken, wir hätten was aus der Bibel gerappt".

Um an dieser Stelle einmal die beliebte Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien zu zitieren: "Die sozialkritischen und selbstironischen Elemente" bleiben dabei "so deutlich erkennbar, dass nicht von einer verrohenden Wirkung auszugehen" ist. So urteilte das Zwölfergremium der Behörde schon 2015 über das K.I.Z.-Mixtape Ganz oben, und so würde es wohl auch über Rap über Hass urteilen, wenn eine Auseinandersetzung denn noch nötig wäre. Will man K.I.Z. also ans Bein pinkeln – oder, wie sie selbst rappen: in den kopflosen Rumpf scheißen –, muss man nicht fragen, warum die das alles machen. Sondern warum sie nicht auch mal was anderes machen.

Die Beastie Boys haben sich in späteren Karrierejahren von den misogynen Texten ihrer Frühphase distanziert. Vor allem aber blieben sie musikalisch ungreifbar. Das Chaos, das sie heraufbeschworen, ergab sich daraus, dass man niemals wissen konnte, was sie als Nächstes tun würden. K.I.Z. hingegen servieren nicht nur Köpfe, sondern auch Ideen auf dem Silbertablett. Ihr Chaos bleibt berechenbar, egal ob sie in Bitte sag's nicht meiner Freundin einen Rap-Sommerhit über verkorkste Männlichkeit anstimmen oder mit Filmriss eine Art Deichkind-gone-wrong-Szenario erforschen. Dem eigenen Anspruch, auf kreative und progressive Weise zu beleidigen, werden K.I.Z. auf ihrem neuen Album damit nur phasenweise gerecht.

Es gibt übrigens nicht nur schmutzige Worte auf Rap über Hass, sondern eben auch Musik, überwiegend komponiert von Nico und dem Münchener Produktionsduo Drunken Masters. Wie schon in den Texten geht es dabei ebenfalls um Verdichtung: Trap-Beats und betont billige Synthesizer streben gleichzeitig in den Club und die kalifornischen Kinderzimmer, aus denen das Krawallkollektiv Odd Future einst zur Rap-Welteroberung aufbrach. Einmal gibt es Marimba-Training für die Rumpfmuskulatur und fast immer Refrains, die man im falschen Moment nur laut und schief genug mitsingen muss, um sich Platzverweise, Hausverbote oder Schulwechsel einzuhandeln.

Früher war es einfacher, die Genreübungen auf K.I.Z.-Alben von den Genreparodien zu unterscheiden, auch weil die Gruppe schon einmal verspielter klang als auf Rap über Hass. Ihre mit Abstand kürzeste Platte ist nun auch ihre zweckmäßigste: Wer gehofft oder befürchtet hatte, dass K.I.Z die musikalische und textliche Verletzlichkeit des letztjährigen Soloalbums von Tarek weiterverfolgen würden, wird deshalb enttäuscht oder erfreut sein. Wie gesagt: Hängt vom Blickwinkel ab. Die Konzentration auf alte Feindbilder zwischen Nazis und hysterischem Bürgertum bleibt konsequent und wichtig. Das Beharren auf alten Sprachbildern nimmt Rap über Hass jedoch einen Teil seiner Wucht.

"Rap über Hass" von K.I.Z ist erschienen bei Vertigo Berlin/Universal.

"Rap über Hass": Biest bleibt Biest, Boys bleiben Boys (2024)

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Author: Lilliana Bartoletti

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